Ein Tag, der anders wurde als erwartet oder... andere Länder, andere Sitten

Es ist Sonntag und ich bin schon fast 6 Wochen in Ghana. An diesem Wochenende ist unser Haus fast leer, da alle anderen Ausflüge durch das Land machen. Wir genießen stattdessen die Ruhe, denn es ist schon ein großer Unterschied, ob man nun mit 20 oder 3 anderen zusammen in einem Haus wohnt. 
Am Morgen gehen wir zusammen mit unserem ghanaischen Nachbarn in die I.C.G.C church am Circle, direkt in Accra. Sonntage mag ich hier besonders gerne, denn dann kleiden sich die Frauen und Kinder in den tollsten Kleidern und die Stadt leuchtet richtig auf wegen der bunt gemusterten Stoffe, die sie tragen. Nun bin ich eigentlich keine Kirchengängerin, aber einen Gottesdienst in Ghana sollte man definitiv einmal besucht haben. Es wird gesungen, geklatscht, getanzt und obwohl wir kaum ein Wort verstehen, da der Gottesdienst auf Twi abgehalten wird, ist es immer wieder schön und leider viel zu schnell vorbei. Ich könnte den ghanaischen Gesängen stundenlang zuhören. Auf dem Rückweg nach Lartebiokorshie, wo wir wohnen, gehen wir noch an unserer Reisfrau vorbei. genau, richtig gehört- wir haben sogar unsere eigene Reisfrau. Sie macht den Besten Jollof Reis, den es gibt. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt- mittlerweile müsste ich zugeben, dass die Tante meines Verlobten den besten Jollof Reis in ganz Ghana macht, aber das wäre eine andere Geschichte. Zurück also zu der eigentlichen Geschichte.


Nachdem wir den Jollof Reis gekauft haben, gehen wir noch bei unserer Obstfrau vorbei. Ja, ihr habt richtig gehört, wir haben auch unsere eigene Obstfrau, die ihren Stand schräg vor unserer Reisfrau hat und bei der wir immer unseren Nachtisch in Form von frischen Mangos, Orangen und Ananas kaufen. So haben wir auch heute wieder das perfekte Mittagessen. 



Am Nachmittag spazieren wir zusammen mit dem Nachbarn ein bisschen durch Lartebiokorshie, um noch ein paar Bilder zu machen. Bei solchen Aktionen ist es immer am Besten, jemanden dabei zu haben, der sich in den Straßen auskennt, denn so finden sich ungeahnte Dinge. Da unser Nachbar den Schlüssel zu der Kirche, in die sein Vater normalerweise immer geht, dabei hat, lassen wir es uns nicht zwei Mal sagen und ehe wir uns versehen stehen wir auch schon auf dem Dach der Kirche. Von oben hat man einen richtig guten Blick über Accra. Wie es so ist, wenn drei Obrunis ("weißer Mensch") zusammen unterwegs sind passieren die ungeahntesten Dinge. Vom Dach aus fällt unser Blick relativ schnell auf einige Pavillions, die in einer Nebenstraße aufgebaut wurden. Wir rätseln, was da wohl gefeiert wird und noch bevor wir zu einem Entschluss kommen, winken uns die Menschen von unten schon und rufen "come, you are invited". Wird man von Ghanaern eingeladen, kann man das schlecht ablehnen. Also beschließen wir, kurz Hallo zu sagen und dann zu verschwinden. Als wir bei den Pvillions ankommen werden wird freundlich begrüßt und eine Dame führt uns in die Ecke, in der das Essen aufgebaut ist. "You are invited". Zuerst wollen wir gar nichts essen. Man geht in Deutschland ja auch nicht auf ein Fest, zu dem man eigentlich nicht eingeladen ist, und isst sich satt. Andere Länder, andere Sitten. Während wir also am Buffet anstehen geht das Rätselraten weiter. Alle sind sie in die gleichen wunderschönen blauen und weißen Kleider gehüllt. Irgendwann wird uns eine Frau vorgestellt, die uns erklärt, dass ihr Vater gestorben sei und heute der letzte Tag ist, an dem sie seine Beerdigung feiern. Sofort springen wir auf, fangen schon an, uns zu entschuldigen und zu erklären, dass wir nicht wussten, dass es sich hier um eine Beerdigung handelt. Die nette Dame winkt einmal ab, erklärt wieder "you are invited, we want you to celebrate with us" und damit ist klar, dass wir bleiben. Wir sind alle sehr gerührt über diese Gastfreundschaft und unterhalten uns sehr lange mit ihr und ihrer Familie. So lernen wir auch, dass Beerdigungen in Ghana immer über mehrere Tage lang richtig gefeiert werden. Ganz anders als bei uns in Deutschland. Was mich aber am meisten beeindruckt ist, dass alle weiße Kleider tragen. In Ghana trägt man immer weiß, wenn ältere Menschen sterben (in manchen Völkern aber auch noch rot und schwarz) und schwarz bzw. blau, wenn sehr junge Menschen sterben. Dadurch, das wir als Fremde an diesem Fest teilhaben dürfen, lernen wir die ghanaische Kultur mit ihren Bräuchen und Sitten noch viel intensiver kennen.


























Für mich ist diese Beerdigung ein Schlüsselerlebnis. Die Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Offenheit der Ghanaer berührt mich immer wieder aufs neue. Ich versuche, mir auszumalen, wie es wäre, wenn in Deutschland jemand sterben würde, man eine Gruppe fremder Menschen sieht und diese dann einfach zur Beerdigung einlädt. Vorstellen kann ich mir das eher weniger, denn wer macht das schon. Fremde Menschen zu solch einem Anlass einladen. Auch heute, fast 6 Jahre später, bleibt dieser Tag einer der unerwartetsten, inspirierendsten und schönsten Tage, die ich während all meiner Aufenthalte in Ghana erleben durfte, denn an dem Tag bekam ich einen richtigen Einblick in das Leben der Menschen dort und in die ghanaische Kultur. Meda w'ase an alle, die uns an diesem besonderen Fest teilhaben ließen. 

Der Eintrag entstand im Zuge der Blogparade von Praktikawelten.


Kommentare

  1. Es gibt immer Gründe für die einkehrende Stille.

    Kennst du noch die Bücher, in denen der Leser die Geschichte leitete, den Helden führte und seine Entscheidungen traf? Dieses Buch ist das Leben, bereits geschrieben. Nur wir entscheiden, ob wir zu Seite 11 oder 45 springen. Ob wir nach Link oder Rechts gehen. Doch beide Wege sind bereits da. Müssen nicht erst erschaffen werden. Der übrig bleibende Einfluss ist unsere Entscheidung.

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  2. Wow, das sind ja tolle und außergewöhnliche Erfahrungen, die du in Ghana gemacht hast. Das muss ein ganz anderes Leben sein, als man es von Deutschland kennt. Und diese Freundlichkeit ... dass man glatt zu einer Beerdigung eingeladen wird. Das ist zwar sicherlich eine traurige Angelegenheit, aber irgendwie auch doch eine schöne. :)

    LG, Sabrina

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  3. Hallo und dankeschön, toll, mal wieder von dir zu hören!
    Hier http://www.flickr.com/photos/93376659@N08/13032373574/sizes/o/in/photostream/ findest du das Foto in voller Auflösung und wenn du willst, kann ich es dir auch gerne per E-mail zu schicken. Noch einen wunderschönen Abend!
    Lina♥

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