Was macht man eigentlich in Äthiopien? Ein Wegbericht von Axum, Gondar und Bahir Dar

Der letzte Stopp unserer Reise ins Innere des afrikanischen Kontinents führte uns in die Demokratische Republik Kongo. Von dort geht es nun also weiter in ein Land, das aufgrund der von den Derg verursachten Hungersnot von 1984 auch heute noch völlig missverstanden wird und das so viel kulturellen und landschaftlichen Reichtum zu bieten hat, dass sich eine Reise in dieses Land definitiv lohnt. 

Unser Ziel heute: Äthiopien


Reisen ist seit nunmehr 20 Jahren die Leidenschaft von Madlen und Lars, unseren heutigen Reisebegleitern. Diese findet man seit Sommer 2012 gebündelt auf ihrem Blog puriy, auf dem sie einen Einblick in ihre Reiseerlebnisse auch abseits der üblichen Touristenpfade – ob in Afrika, Südamerika oder Deutschland – geben. 

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"Ich merke noch nichts." Fragend schaut Lars den Verkäufer im kleinen Gemischtwarenladen an. In diesem Laden gibt es so ziemlich alles, was das äthiopische Herz begehrt - und dazu zählt nun einmal auch Kat. Jeder Mann in Äthiopien, Eritrea, Somalia bis nach Jemen schwört auf dieses Grünzeug. Und auch wir wollen es nun endlich probieren. Doch was muss ich eigentlich spüren?

Langsam und wenig euphorsich treten wir in die Pedale unserer Leihräder, um den für die äthiopisch-orthodoxe Kirche heiligen Ort Axum zu erkunden. Hier wurden bis zum letzten Kaiser Haile Selassie viele äthiopische Könige gekrönt. Wir radeln durch eine karge, bergige Landschaft vorbei an den berühmten Monumentalstelen, mit denen die Grabmäler der Wohlhabenden markiert wurden, und dem Bad der Königin von Saba, einem betonierten Wasserbecken aus axumitischer Zeit, bis uns ein alter Mann vor einem unscheinbaren Steinhaus anhält und uns hereinbittet. Es handelt sich dabei um die Schriftstelle des Ezana - eine Tafel, auf der eine Geschichte in den drei Sprachen Sabäisch, Ge'ez und Altgriechisch festgehalten ist, die vom Sieg der Ezanas über die am Roten Meer lebenden Beja berichtet. Der Weg führt weiter über Geröll, sodass sich die Räder nun nicht mehr lohnen. Wir schieben sie das letzte Stück hinauf zu den Gräbern des König Kaleb, der im 6. Jahrhundert regierte, und seinem Sohn Gebre Meskel, die sich gut bewacht und umzäunt auf dem Libanos-Berg befinden. Die Anstrengung hat sich gelohnt und so blicken wir über die malerischen Berge von Adua bis hin zur fünfzig Kilometer entfernten eritreischen Grenze. König Kaleb hätte aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung durchaus ein Grab im Stelenpark verdient. Doch er bevorzugte ein Begräbnis in dieser Abgeschiedenheit, da er bereits seine letzten Lebensjahre als Einsiedler verbrachte. Zu den Grabkammern führt je eine Treppe hinunter. In der mittleren Grabkammer befinden sich drei Steinsarkophage. Eine Legende besagt, dass von diesen Gräbern ein geheimer Tunnel bis nach Eritrea und weiter nach Arabien führen soll.

Umgebung von Axum
Auf unserem Rückweg folgen uns Kinder, die immer wieder nach "Plastics" fragen. Dass sie es damit auf unsere leeren Wasserflaschen abgesehen hatten verstehen wir erst nach einer Weile. Axum ist nicht nur berühmt für seine Stelen. Noch etwas macht diesen Ort ganz besonders - hier soll die Bundeslade gut von einem Mönch bewacht und für niemanden sichtbar aufbewahrt sein. Menelik I., der König von Salomon und die Königin von Saba sollen diese laut einer äthiopischen Schrift aus dem 13. Jahrhundert in das Land geholt haben.

Stelenfeld von Axum
Als Frau darf ich nur die neue Kathedrale mit ihrem auffälligen, den Stelen nachempfundenen, Glockenturm besichtigen, während Lars auch Zugang zur alten gewährt wird. Nur zu der Bundeslade in der Kirche der Heiligen Maria von Zion dringt niemand vor. Erst kürzlich hat jedoch ein Museum zwischen den beiden Kathedralen eröffnet, in dessen Vitrinen die Heiligtümer der Kirche Axums ausgestellt sind. Trotz Neueröffnung legt sich der Staub in meine Nase und löst heftige Nieskrämpfe aus. Ich kämpfe mich angeschlagen vorbei an Kronen, Gewändern und Bibeln. Kleine Heftnotizen in Amharisch dienen der Beschriftung und entlocken uns ein Schmunzeln. Wo in den UNESCO-Weltkulturerbstätten noch improvisiert wird, kommt die Stärke der Äthiopier in einem anderen Metier vollkommen zur Geltung. Kaffee! Wenn wir schon vom Kat wenig merken, was vielleicht auch an der Menge und unserer Kautechnik gelegen haben mag, können wir uns auf eine gute Dosis Koffein in ganz Äthiopien immer verlassen. Und das Überbleibsel der talienischen Besatzungszeit ist auch noch bis im hinterletzten Kaff vorhanden - riesige Espressomaschinen zieren jedes Café, das etwas auf sich hält.

Da in äthiopien Weihnachten erst im Januar gefeiert wird, bleiben die Europäer und Expats im Hof des Kaleb Hotels weitgehend unter sich. Zu Christmas Songs und Lagerfeuer werden wir an diesem Heiligabend fast ein wenig melancholisch. Schon am nächsten Tag soll es weiter gen Süden gehen. Da es keine Direktverbindung von Axum nach Gondar gibt, müssen wir noch eine Nacht in Shire verbringen. Am nächsten Morgen sollunser Bus um 05.30 Uhr abfahren. Als wir am Busbahnhof ankommen stehen wir vor einem Zaun mit einem geschlossenen Tor. In einem Café fragen wir nach. 

Um 06 Uhr soll der Busbahnhof grundsätzlich erst geöffnet werden. Genug Zeit für einen Kaffee und gegen die Kälte hilft der auch! Bis 06.30 Uhr versammeln sich immer mehr Mitreisende vor dem Zaun, während das Gelände des Busbahnhofs noch vor sich hinschlummert. Dann plötzlich kommt ein Offizieller in Uniform und stellt sich auf ein Mauerstück. Durch ein Megafon hält er eine Ansprache auf Amharisch. Hinter ihm kommt auf dem Gelände etwas Bewegung rein. Busfahrer und Ticketverkäufer wuseln über den Platz und nehmen Kurs auf ihre Busse. Der uniformierte Mann wendet sich an das Buspersonal und hält eine separate Ansprache. Eine Szene, die seltsam anmutet und in ihrer Absurdität noch übertroffen wird. Denn kaum ist der Mann fertig, öffnet er das Tor und alle rennen los. Wir bleiben wie gelähmt stehen und lachen. Wo sollen wir denn bitteschön jetzt hinrennen? Alles ist in einer mir fremden Sprache ausgeschildert und die Mitreisenden sind mit sich selbst beschäftigt. Wir laufen nun in Ruhe alle Busse ab und versuchen, uns nach der anfänglichen Aufregung durchzufragen. Es braucht noch eine Stunde, bis all das Gepäck auf dem Dach verladen ist. Die Passagiere müssen noch immer vor dem Bus warten, doch dann ruft der Fahrer eine ältere Frau zu sich und nach einem weiteren Augenblick auch mich. Nur wir dürfen bevorzugt borden - Rentner und Ausländerinnen first. 

Stopping at a village on the way to Gondar
Wie froh sind wir, als sich der Bus endlich in Bewegung setzt und die Schotterpiste entlang braust. Immer wieder werden wir von Sicherheitskontrollen an strategisch wichtigen Punkten wie Brücken und Anhöhen gestoppt. Mal müssen alle aussteigen, mal dürfen wir sitzen bleiben und nur den Ausweis vorzeigen. Erst als wir zum Frühstück Adi Arkay erreichen, soll sich dies ändern. Dass nun kein Kontrollstopp mehr folgt erkennen wir daran, dass gnadenlos Passagiere mitgenommen werden. Weit mehr, als es Sitze gibt. Laut äthiopischem Gesetz ist dies jedoch nicht erlaubt. Aber was nicht kontrolliert wird kümmert auch kaum. Die Straße windet sich nun durch die Simien Mountains. Serpentinen, die unbefestigt an den Berghängen liegen, rufen mir Schweißperlen auf die Stirn. Mein hinterer Sitznachbar ist weniger beeindruckt und singt jedes Lied aus der Box lautstark mit. Ein süß-saurer Duft legt sich in den Gang. Die Serpentinen machen wohl nicht nur uns zu schaffen. Nach elf Stunden und drei zerplatzten Reifen erreichen wir Gondar. Je mehr wir uns dem Busbahnhof nähren, desto wuseliger wird es auf den Strassen. Kaum steigen wir aus, zerren von allen Seiten Kinder und Männer an unseren Armen. Und dann sind wir mittendrin in der alten Königsstadt, die von Kaiser Fasilidas gegründet wurde und von 1636 bis 1855 Hauptstadt Äthiopiens war. 

Gondar Royal Enclosure
Gondar Royal Enclosure - Bakaffas Palace
Hinter einer imposanten Stadtmauer, die noch immer das Stadtbild prägt, befindet sich die Festung. Kaum durchschreitet man die Mauern, prallt der Lärm der Stadt ab. Ruhe legt sich über die prächtigen Gärten, in denen wir uns die Burgen, Schlösser und Kirchen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert aus verschiedenen Kaiserdynastien ansehen. Arabische Einflüsse mischen sich unter die traditionelle Architektur von Gondar. 

Gondar Fasilidas Palace
Auf der Strasse Richtung Bahir Dar laufen wir zum Bad des Fasilidas im Tal des Kaha-Flusses. Da dies etwas ausserhalb der Stadt liegt fahren die meisten Touristen mit Bussen vor. Das zieht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns Spaziergänger. Das verträumte Luftschloss von Kaiser Fasilidas befindet sich hinter baumbewachsenen Mauern in einem Becken, das jedes Jahr im Januar zum Timkatfest mit Flusswasser gefüllt wird. Das Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert ist zu unserem Bedauern eingerüstet. Überall sind Frauen am Werkeln. Ein seltsames Phänomen, das wir auf dieser Reise häufiger beobachten dürfen. Während die Männer in den Cafés ihren Kaffee schlürfen und Kat kauen, arbeiten die Frauen auf den Baustellen hart. Frauen klopfen unter dem Blätterdach der Bäume Steine, Frauen machen Mörtel an, Frauen schleppen Steine. Für einen kurzen Kiesweg zählen wir fünfzig Frauen, die Steine schleppen, diese vor Ort klein hacken und verteilen.

Workers at Gondar Fasilidas Palace
Einen Tag später erreichen wir Bahir Dar am südöstlichen Ufer  des Tana-Sees. Nicht weit von hier befinden sich die imposanten Tis-Isat-Wasserfälle. Der wasserreichere Blaue Nil stürzt sich bei der kleinen Ortschaft zweiundvierzig Meter mit einer Breite bis zu vierhundert Metern und bildet somit den zweitgrößten Wasserfall Afrikas. Durch den Bau des Tis-Abay-Kraftwerks führt der Fluss vor allem in der Trockenzeit nur noch sehr wenig Wasser, sodass manch ein Tourist enttäuscht sein mag. Wir müssen es zum Glück nicht sein, denn der Nil führt noch genug Wasser, um uns zu imponieren. Nur die häufigen Radwechsel auf der dreißig Kilometer langen Fahrtstrecke nerven schon - gerade weil Silvester ist. 

Bahir Dar - Tana See
The road leading to the Nile river
On the way back to Bahir Dar
Wieder zurück in Bahir Dar flanieren die Einheimischen auf einer einladenden Uferpromenade, um schließlich im Blue Bird bei einem kühlen Getränk Pelikane auf dem See zu beobachten. Nachdem wir uns das Treiben vom Ufer angesehen haben, zieht es uns auch aufs Wasser. Ein paar der zwanzig Inseln kann man besuchen. Alte Klöster aus dem 14. Jahrhundert beherbergen Ikonen und Kunstschätze äthiopischer Herrscher. Doch nicht die Schätze sind das Highlight, sondern die Stimmung, als im Dunst, der sich über den See gelegt hat, Fischer in ihren Papyrusbooten auftauchen. 

Mit diesem Bild von Äthiopien verabschieden wir das Jahr. Als der Muezzin um 04 Uhr zum Gesang ansetzt, begeben wir uns auf den Weg nach Addis Abeba. 

Warst du bereits in Äthiopien? Welchen Eindruck hattest du von dem Land und den Menschen? Erzähle mir deine Äthiopien-Erfahrungen in den Kommentaren.

Kommentare

  1. Äthiopienerfahrung? Keine - aber der Bericht ist mega interessant!

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    1. Stimmt, ich fand den Bericht auch richtig schön und nun findet sich ein weiteres Ziel auf meiner Travel-Bucket-List (=

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    2. Stimmt, ich fand den Bericht auch richtig schön und nun findet sich ein weiteres Ziel auf meiner Travel-Bucket-List (=

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  2. Das ist wirklich ein völlig anderes Bild als das, was ich bisher von Äthopien hatte! Die Landschaft sieht aus wie in einem Wildwest-Film! Sehr schön :-)

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