Angst auf Reisen

Reisen ist etwas schönes. Ich liebe die Freiheit, die ich auf Reisen habe und die Unbeschwertheit, die manche Reisen mit sich bringen. Reisen versetzt mich in Welten, die mich vorher fast schon magisch angezogen haben und die ich dann endlich mit eigenen Augen sehen und erleben kann. Reisen ist aber noch viel mehr, denn manchmal... ja, manchmal kann reisen auch Angst machen. 




Angst auf Reisen


Als ich gelesen habe, dass Julia von bezirzt, die selbst spannende Artikel über ihre ganz unterschiedlichen Reisen schreibt und in denen das Thema Angst immer mal wieder vorkommt, eine Blogparade zum Thema "Wenn Reisen Angst macht" gestartet hat, war für mich klar, dass ich da mitmachen muss. Aus der anfänglichen Euphorie für dieses Thema kam schnell die Frage auf, über was ich da überhaupt schreiben sollte. Was das Reisen betrifft bin ich kein besonders ängstlicher Mensch. Was kann schon passieren? Es würde also wenig Sinn machen, einfach irgendeine Geschichte zu erzählen, denn etwas wirklich schlimmes ist mir auf Reisen bisher noch nicht passiert und - nenne mich naiv- ich bin davon überzeugt, dass das auch so bleiben wird. Während der Reise kann mich also nichts so schnell umhauen. 

Dennoch gibt es etwas, das mir Angst macht. Die Angst vor dem "Was ist, wenn...?" Eine Angst, die sich nicht während der Reise an sich klammheimlich in meine Gedanken schleicht, sondern schon vorher, kurz vor der Abreise. Die Frage nach dem "Was ist, wenn...?" dreht sich dann auch nicht um solche banale Dinge wie: was ist, wenn ich dies und jenes vergessen habe oder ich merke, dass diese Reise doch nicht das ist, was ich möchte. All diese Fragen sind nebensächlich. Denn was soll passieren? So lange ich meinen Reisepass, das Flugticket, den Impfausweis und die Bankkarte dabei habe, kann quasi nichts schief gehen. Alles andere kann man vor Ort immer kaufen. Auch im tiefsten Afrika gibt es so etwas wie Supermärkte, in denen man das bekommt, was man eventuell doch vergessen haben könnte. Sollte die Reise widererwarten doch nicht das sein, was ich mir erhofft hatte oder wie ich sie mir vorgestellt hatte, dann ist auch das kein Weltuntergang, denn ich bin zumindest um eine Erfahrung reicher. Und das ist oft auch schon viel wert. 

Es gibt aber etwas, das jeden wohl einmal überrollt. Die Angst nach dem Unbekannten. Nach diesem einen "Was ist, wenn..?", das sich nicht wirklich in Worte fassen und beschreiben lässt. Da ist einfach dieses seltsame Gefühl, dass immer mal wieder auftritt und von dem du eigentlich gar nicht so genau weißt, wo es überhaupt herkommt. Du siehst die ganze Reise als ein großes Ding und bekommst kein klares Bild vor Augen. Teilst du die Reise, also das große Ganze, wie bei einem Puzzle in mehrere kleine Teile, erscheint die Angst nach dem Unbekannten schon gar nicht mehr so groß. 

Die Angst vor dem Bekannten


Was ist aber mit der Angst des Bekannten? Ja, auch vor dem Bekannten kann man Angst haben. Zumindest ich kann es. Im Juli 2008 flog ich das erste Mal nach Ghana. Es war der erste Flug auf den afrikanischen Kontinent und die erste längere Reise (abgesehen von einem Sprachschulaufenthalt in La Rochelle, um die französische Sprache für die mündliche Abiturprüfung noch etwas mehr zu perfektionieren), die ich alleine machte. Vor dieser ersten Reise an die ehemalige Goldküste hatte ich weder Angst vor dem Unbekannten, noch machte ich mir groß Gedanken darüber, was passieren konnte. Ich hatte fast keine Erwartungen an die Reise bzw. an das Land und wollte einfach versuchen, mich so gut es geht einzugewöhnen und das beste für mich von der Reise mitzunehmen. Eine Strategie, mit der ich ganz gut fuhr und die sicher auch etwas dazu beitrug, dass mich das Land nicht mehr los ließ. Fünf Jahre später, im April, fliege ich wieder nach Ghana. Doch diesmal scheint alles etwas anders zu sein. Zwischen dem ersten Flug und diesem lagen viele weitere dazwischen, und trotzdem war es so ganz anders, als die bisherigen. Auch die letzten paar Tage vor dem Abflug verliefen anders, als es sonst immer der Fall war. Ich begann zu grübeln. Ist es das richtige, wieder zurück zu fliegen? Wird es so sein, wie es immer war? Erwartet mich etwas völlig anderes, als ich es dort gewohnt bin, mit dem ich nicht gerechnet hätte? Kann ich mich wieder in das ghanaische Leben, das ich so vermisst habe, einfügen oder bin ich vielleicht doch nicht für dieses Land geschaffen? Fragen über Fragen, die kein Ende zu nehmen scheinen. Wie sie sich in meine Gedanken geschlichen hatten weiß ich nicht. Was sie dort suchten weiß ich genau so wenig. Aber die Angst war da, auch wenn sie im Grunde genommen unbegründet war. Mir war das bewusst und trotzdem schlich sich diese irrationale, unbegründete Angst in meine Gedanken. Ich war schon so oft in diesem Land, ich liebe es und ja, ich kann mir ein Jahr, in dem ich nicht mindesten einmal dort gewesen bin, nicht mehr vorstellen. Trotzdem fragte ich mich, ob es so sein wird, wie es immer war. Eine Reise kann man nicht wiederholen. Sie wird nie so sein, wie die letzte, auch wenn man das vielleicht gerne hätte. Eine Reise kann man wiederholen, auch wenn sie anders sein wird, als die letzte. 

Auch heute noch habe ich sie, die Angst vor dem Bekannten, die mich oft auch melancholisch werden lässt. Ich kenne das Land fast besser als das, in dem ich schon fast 30 Jahre lebe, ich liebe es und habe mein Herz irgendwo zwischen Accra und Butre verloren, kenne die ghanaische Kultur und weiß, was mich dort erwartet und ich mag die ghanaischen Sonnenstrahlen. Und dennoch oder eben vielleicht auch gerade deswegen, kreisen meine Gedanken kurz vor dem Abflug eben genau darum. Um das "Was wäre, wenn es diesmal doch völlig anders wird, als es die letzten acht Male gewesen ist?" Um das "Was wäre, wenn sich mein Denken in der zeit, in der ich nicht dort war, um 180 Grad gedreht hat, sodass ich dem Land plötzlich gar nichts mehr abgewinnen kann?"


Keine Angst als Ziel?


Das Ziel bei der ganzen Sache? Wichtig ist nicht, seine Ängste- sei es, wie bei mir, die nach dem bekannt Unbekannten oder wie bei anderen die Flugangst, die permanente Angst, überfallen oder ausgeraubt zu werden oder einfach irgendetwas vermeintlich Wichtiges, das man vor der Reise unbedingt noch regeln wollte, vergessen zu haben, auszulöschen und zu vergessen. Ein gesundes Maß an Angst oder an Vorsicht, je nachdem, wie man es nennen möchte, ist gar nicht schlecht. Viel wichtiger ist es doch, das zu tun, was man gerne möchte und diese Reise, die man schon so lange geplant hatte und unbedingt schon immer einmal machen wollte, letztendlich auch wirklich zu machen. Trotz flauem Gefühl im Bauch. Denn das, was kommt, wenn dieses Gefühl genau so klammheimlich, wie es gekommen war, wieder verschwindet, ist unbezahlbarer als es wäre, wenn man sich davon beirren ließe. 

Kommentare

  1. Das ist ja schön geschrieben!
    Ich habe manchmal ein eher unbestimmt flaues Gefühl im Magen und reise z.B. nicht gern alleine. Gar nicht aus Angst, dass mir etwas passiert, aber einfach deswegen, weil es mir total schwer fällt, Fremde anzusprechen und mich irgendwo einzugliedern. Darum bin ich lieber mit anderen (meinem Mann, meiner Familie, einer Freundin ...) unterwegs, weil ich mich dann sicherer, d.h. mental gefestigter, fühle.

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das mit dem alleine reisen ist ja immer so eine Sache. Wenn man eher der introvertierte Typ Mensch ist, macht es das ja nicht gerade einfacher und zu zweit ist es immer leichter, andere Menschen anzusprechen.

      Löschen
  2. Ein schöner Artikel, der mich sehr berührt hat. Ein bisschen kann ich deine Angst vor dem Bekannten sogar verstehen, wenn ich sie auch nicht teile.

    Fernwehgrüße

    Sissi

    AntwortenLöschen
  3. Wenn ich reise, habe ich auch immer Angst. Meine erste größere Reise war im letzten Jahr (insgesamt 8 Stunden Fahrt für ein Bloggerevent) und durch die lange Fahrt wurde mir ganz schlecht, aber als ich dann endlich ankam war alles gut.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sobald man dann am Ziel angekommen ist, ist die Angst, die man vielleicht auf dem Weg dorthin hatte, meistens genau so schnell wieder verflogen, wie sie gekommen ist.

      Löschen
  4. Das ist wirklich ein schöner Bericht und so wahr.
    Ich habe kurz vor der Reise auch immer eine Angst, die ich aber nicht genau beschreiben kann. Ich denke meine größte Angst ist immer das der Pass oder so geklaut wird.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön.

      Oh ja, ich schaue auch immer nochmal extra nach, ob ich auch wirklich meinen Pass habe. Ohne den wäre man ja dann total aufgeschmissen, da schaut man besser einmal zu viel nach als zu wenig.

      Löschen

Hier ist Platz für deine Sonnenstrahlen.

Ich freue mich über jeden einzelnen Sonnenstrahl von dir, der den Weg zu mir findet.